Porträt
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Prof. Karl Dietrich 1927-2014

Komponist und Hochschul-Lehrer

Karl Dietrich gehört zu den bedeutenden künstlerischen Persönlichkeiten des Eichsfeldes. Sein Geburtsjahr fällt in die Zeit der Weimarer Republik, die Zeit der „Goldenen zwanziger Jahre“. Erste Fernsehversuche laufen in Deutschland, Großbritannien und den USA. Der Fernschreiber wird erfunden. Das Tonbandgerät wird entwickelt. In den USA wird 1927 der erste echte Tonfilm in der Öffentlichkeit aufgeführt. Der erste Flug von New York nach Paris findet statt, er dauert 33,5 Stunden. Das Penicillin wird entdeckt. In Deutschland wird erstmals eine Arbeitslosenversicherung per Gesetz beschlossen.

 

Karl Dietrich verbringt eine unbeschwerte Kindheit weitab von Politik in dem idyllischen Eichsfeld-Dörfchen Wachstedt. Er wird am 9. Juli 1927 in Wachstedt/Eichsfeld als erster Sohn von Elisabeth Dietrich, geb. Mock und Julius Dietrich, der als Kaufmann, Landwirt und Organist tätig ist, geboren. Der Geburtstag ist ein Samstag mit Sonne, Gewitter und Schützenfest, an dem die Musikanten fröhlich aufspielen. Die Musik bestimmt auch weiterhin schicksalhaft sein Leben. Bereits als Kleinkind ist die Begeisterung für Musik zu beobachten. Wird das Kind an das Klavier gesetzt, beschäftigt es sich stundenlang damit.

Gemeinsam mit seinen jüngeren Brüdern Hubert (geb.1929) und Gerhard (geb. 1931) verlebt er schöne Stunden in der Eichsfelder Landschaft, woraus seine tiefe Naturverbundenheit resultiert. Auch läßt das Elternhaus, in dem seit Generationen ein Klavier steht, viel Freiraum zur persönlichen Entfaltung und Förderung der bereits früh erkannten Neigung ihres Sohnes zur Musik zu. Im Alter von sechs Jahren beginnt sein Musikunterricht durch den Vater.  Jeden Sonntag nach dem Hochamt wird musiziert. Er erlernt die Notenschrift und darf auf der Orgel der Wachstedter Kirche üben. Als 12-jähriger spielt er Choräle in Andachten und Gottesdiensten. Immer gut behütet durch die Großeltern, die mit im Haushalt leben, werden auch zahlreiche phantasievolle Streiche der drei Lausbuben ertragen. Der Ernst des Lebens beginnt wie üblich mit der Schulzeit. Ab 1934 besucht er die Wachstedter Schule und wechselt 1939 auf das Gymnasium in Dingelstädt.

 

Es kommt zur Weltwirtschaftskrise, zur Übernahme der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland, zum zweiten Weltkrieg, den er selbst hautnah miterlebt. 1944 wird die Oberschulzeit jäh unterbrochen. Karl Dietrich wird als Luftwaffenhelfer, 17-jährig, bei Bad Dürrenberg eingezogen. Dort erlebt er die Abscheulichkeiten der letzten Kriegsauseinandersetzungen. Lichtblick und Trost ist dabei die einzigartige Möglichkeit, veranlaßt durch einen großzügigen Vorgesetzten, im Dom von Merseburg gelegentlich Orgel spielen zu dürfen.

 

Todesangst und Martyrium setzen sich nach dem Krieg fort. Karl Dietrich gelangt in amerikanische Kriegsgefangenschaft in das berüchtigte Lager auf freiem Feld bei Bad Kreuznach. Ursache für die menschenverachtenden Lebensbedingungen war die durch Eisenhower vorgenommene Aberkennung internationaler Konventionen für die Kriegsgefangenen. Er deklarierte die damaligen Landser als Verbrecher. Hinzu kam ein verbitterter jüdischer Lagerkommandant, der nach Rache und Vergeltung sann.

Täglich werden hunderte Leichen aus dem Lager getragen. Wer nicht lebendig begraben oder erschossen wird, stirbt an Unterernährung, Infektionen, extremer Witterung. Ein texanischer Sergeant, der selber Akkordeon spielt, überläßt Karl Dietrich gelegentlich die musikalische Unterhaltung der Vorgesetzten, wofür er eine Portion Grießbrei bekommt.

 

Nach dreimonatiger Gefangenschaft wird er „entlassen“, allerdings per Sammeltransport mit unbekanntem Ziel. Hierbei gelingt ihm die lebensbedrohliche Flucht nach Hause. Sein Vater erkennt ihn zunächst nicht. Militärdienst und grausame Gefangenschaft hatten ihn schwer gezeichnet. Nach einer Erholungszeit legt er im Juli 1947 erfolgreich sein Abitur ab.

 

Er erlebt das Aufatmen der Menschen nach dem Krieg, auch für ihn beginnt ein neues Leben. Zunächst studiert er in Jena Philosophie und Musikwissenschaft. Sein Wunsch, ein Musikstudium zu absolvieren, geht mit der Ausbildung an der Franz-Liszt-Hochschule Weimar in Erfüllung, wo er die Fächer Musikpädagogik, Chor-und Orchesterdirigieren, Gehörbildung, Klavier, Komposition und Tonsatz, Improvisation, Alte-Schlüssel-Spiel, Volksliedspiel, Partiturspiel, Notationskunde, Harmonielehre, Melodielehre und Kontrapunkt belegt. Aufgrund seiner Leistungen erhält er eine Anstellung als Assistent. Seine Lehrer, die er sehr achtete und ehrte, waren Prof. Münnich, Prof. Niggeling, Prof. Krauß, Prof. Köhler, Frau Prof. Lerche, Frau von der Osten und Prof. Gerster.

Die Gründung der DDR wird vollzogen und damit keimen Gedanken über das Eingeengtsein, Gedanken wie bei vielen Menschen an das Verlassen der Heimat. Eine heimliche Sehnsucht nach München und Bayern entwickelt sich – ist doch Bayern dem Eichsfeld so ähnlich!

 

Aber beständiges Weiterarbeiten im Lehrkörper der Franz-Liszt-Hochschule binden ihn mit Frau und Kindern an die traditionsreiche Stadt Weimar. Als Assistent beginnt seine Laufbahn, die 1984 mit der Verleihung einer Professur für Komposition und Tonsatz gekrönt wird. Diese Ehrung und Anerkennung seines Könnens wurde ihm sehr spät zuteil, da er zu DDR-Zeiten als praktizierender Katholik auftrat und seine Weltanschauung in seinen Werken darstellte. Zum Beispiel wurde seine 5.Sinfonie „Die Größe der Welt“, welche die Ungerechtigkeit von Grenzen anprangert, zu DDR-Zeiten nicht aufgeführt. Er engagierte sich im Komponisten-Landesverband Thüringen, dessen Entstehung er als Gründungsmitglied förderte. In den Jahrzehnten seines Wirkens prägte und bildete er mit pädagogischer Begabung, stilistischer Vielseitigkeit und unbeeindruckt von den Einschränkungen der damaligen Zeit unzählige Musiker, Musiklehrer und Komponisten aus.

 

Von besonderer Bedeutung ist sein kompositorisches Schaffen. Unermüdlich schrieb er in musikalischer Form gegen den Krieg, den er so leidvoll als Jugendlicher erleben mußte, z.B. Sinfonie Nr.4 „contra bellum“ nach einem cantus firmus von Balthasar Resinarius „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (Uraufführung 1981 in Gotha) oder Sinfonie Nr. 6 „Unter dem Firmament des Friedens“, Text Marion Dietrich (Uraufführung 1989 in Suhl), weiterhin „Rupert-Mayer-Reflexionen“ für Orgel zu Ehren des 1987 für seinen Widerstand gegen die NS-Herrschaft seliggesprochenen Jesuiten-Priesters (Uraufführung und Widmung 1996 in München sowie Übergabe des Werkes an Papst Franziskus 2016). Es entstehen 8 Sinfonien,  2 Opern, verschiedene Konzerte, Divertimenti für Sinfonieorchester, Chormusik, Instrumentalmusik, Kirchen- und Kammermusik.

Sein Arbeitsstil ist von Fleiß, Ausdauer und Beharrlichkeit geprägt. Seine Frau nimmt ihm nach besten Kräften alle Last ab, damit er frei ist für seine Ideen, für seine Arbeit. Der schönste Lohn und Dank dafür ist die für sie geschriebene Oper „Die Wette des Serapion“, welche zu Ehren der Frauen entstanden ist. Für die Familie ist die Atmosphäre in den Theatern und Konzertsälen, wenn seine Musik zu hören ist, immer wieder ergreifend. Tausenden Menschen hat er mit seiner Musik ein Geschenk gemacht, welches Gefühle und Gemütsbewegungen ausdrückt, die jeder verstehen kann, der sich ihr öffnet, denn Musik ist eine Weltsprache.

 

Ein neuer Zeitabschnitt wird eingeleitet mit dem Untergang der DDR. Die Freude auf die nun offenstehende Welt ist groß. Doch trotzdem ist es zu Hause immer wieder am schönsten. Er liebt die Harmonie in der Familie wie in der Musik, Verbindung von Tradition und Gegenwart sind  ihm wichtig.

 

Gerne schrieb er auch heitere Stücke, denn er selbst war von heiterer Natur. So entstanden zwei heitere Opern: „Die Wette des Serapion“ (Uraufführung 1984 in Gera) und „Pervonte oder die Wünsche“ (Uraufführung 1989 in Stralsund, 1990 Kiel), beide Libretti von Heidemarie Stahl. Der Inhalt der „Wette des Serapion“ handelt von einem Mann, der mit dem Teufel wettet, dass dieser es nicht bei seiner Ehefrau aushalten würde. Der Teufel versetzt ihn in die Neuzeit und seine Einstellung zur Frau ändert sich. Die Oper „Pervonte oder die Wünsche“ ist ein Zauber und Märchen mit ernster Warnung.

 

Weiterhin schuf er heitere Orchester- und Kammermusikstücke, z.B. „Heiteres Divertissement“ (Uraufführung in 1972 Gotha), „Launische Impressionen“ über und um das Volkslied „Horch, was kommt von draußen rein“ für Bläserquintett sowie Lieder (z.B. „Übergewicht“- 6 heitere Lieder für Bariton und Klavier oder „Wer hat Ameisenkinder geseh`n?“  für Kinderchor oder Solo und Klavier).

 

Aber auch mahnende Werke waren ihm wichtig, so die Vertonung des Psalm 49 „Die Vergänglichkeit des Menschen“ für mittlere Singstimme und Orgel (Uraufführung 1994, Herz-Jesu-Kirche Weimar). Die musikalische Darstellung vermittelt dem Hörer eindringlich und erschütternd, daß der Sinn des Lebens nicht im Materiellen liegt. Der Mensch kann im Tod nichts mitnehmen. Ein heiterer Gesang  „Der Hahn“ für Bariton und Klavier mahnt zur Bescheidenheit. Der Mensch sollte nicht  „umherstolzieren“.

 

Am liebsten jedoch saß er auf der Orgelbank in seinem Heimatort Wachstedt oder im Klüschen, aber auch gerne in jeder anderen Kirche und improvisierte zur Ehre Gottes, zur Freude der Zuhörer und zu seiner eigenen Erbauung. Leider sind diese spontanen, nicht aufgezeichneten, phantastischen, stimmungsvollen und die Seele berührenden Werke verklungen, ohne daß sie für die Nachwelt zu hören sind…. vielleicht aber im Himmel.

KURZBIOGRAFIE

 

  • 09.07.1927
    geboren in Wachstedt/Eichsfeld
  • 1933-1944
    Schulzeit in der Grundschule Wachstedt
    und im Gymnasium  Dingelstädt
  • 1944/45
    Militärdienst als Luftwaffenhelfer
  • 1945
    amerikanische Gefangenschaft auf freiem Feld bei Bad Kreuznach, aus der ihm die Flucht gelang
  • 1946
    Gymnasium Dingelstädt
  • 1947
    Abitur
  • 1947
    Beginn des Studiums an der Universität Jena (Philosophie und Musikwissenschaft)
  • 1948- 1951
    Studium an der Franz-Liszt-Hochschule Weimar (Musikpädagogik, Chor- und Orchesterdirigieren, Komposition und Tonsatz)
  • 1951
    Anstellung als Assistent und später als Dozent für Musiktheorie, Gehörbildung und Partiturspiel
  • 1976
    Dozent für Komposition und Tonsatz
  • 1984
    Berufung zum Professor an der Franz-Liszt-Hochschule Weimar in der Abteilung für Komposition und Tonsatz; kompositorisches Schaffen von über 100 Werken in allen Genres der zeitgenössischen ernsten Musik, Opern, Sinfonische Musik, Konzerte, Kammermusik, Divertimenti, Kirchenmusik, Messen, Lieder, Liederzyklen und ChormusikFörderung, Unterstützung und Aufbau von Chören, Kammermusikvereinigungen und Orchestern mit Verbreitung zeitgenössischer Musik in seiner Heimat, dem Eichsfeld
  • 6. Februar 2014
    verstorben in Weimar, beigesetzt auf dem Hauptfriedhof in Weimar
  • Eltern:
    Julius Dietrich (Organist, Kaufmann und Landwirt in Wachstedt) und  Elisabeth Dietrich; geb. Mock
  • Geschwister:
    Hubert Dietrich (Finanzbeamter), Gerhard Dietrich (übernahm den elterlichen Hof)
  • Religion:
    römisch-katholisch
  • Ehefrau:
    Gerda Dietrich; geb. Lins, verheiratet seit 1952; gest. 2019
  • Kinder:
    Ellen, geb.11.05.1953 (Ärztin)
    Marion, geb. 26.05.1958 (Ärztin)
65 Geburtstag